Neue Studie zu Infraschall

01.06.26: Holger Douglas - Der Infraschall moderner Windkraftanlagen

Eine schwedische Studie legt konkrete Messungen zu Infraschall vor,
der durch Windparks erzeugt wird. Ein Nachweis gesundheitlicher
Risiken ist damit noch nicht erfolgt. Allerdings zeigen die Messwerte,
dass pauschale Abstandsvorschriften und Standardmodelle der Realität
nicht gerecht werden.

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Moderne Windkraftanlagen erzeugen erheblichen Infraschall, dessen
Pegel und Intensität deutlich höher ist als bisher von älteren Anlagen
berichtet wird. Das zeigt eine neue wissenschaftliche Arbeit aus Schweden,
die auf umfangreichen Messungen beruht.
Damit werden auch Behauptungen des Umweltbundesamtes entkräftet,
denen zufolge Infraschall von Windanlagen unterhalb sogenannter
„Wahrnehmungsschwellen“ liege
, also nicht hörbar sei und damit keine
Rolle spielen könne. Außerdem betont die Arbeit, dass der Infraschall
kein gleichmäßiges Grundrauschen darstellt, sondern gepulst ist.
Das relativiert jene Aussage, dass in der Natur überall Infraschall
vorkomme – dieser hat einen vollkommen anderen Charakter. Zudem
wird der durch Windkraftanlagen erzeugte Infraschall kaum gedämpft.

Die Arbeit behandelt unter anderem die besondere Charakteristik des
Infraschalls, der von Windrädern ausgeht. Jeder Durchgang eines
Rotorblatts am Turm erzeugt einen Druckimpuls. Das Blatt passiert
den Turm, dabei verdichtet sich kurzzeitig die Luft und erzeugt jene
typischen knallenden Geräuschen in den Frequenzbereichen.
Infraschall von Windrädern ist also kein gleichmäßiges Rauschen.
Diese „Blattpassierfrequenz“ sinkt mit zunehmender Rotorgröße.
Bei modernen großen Anlagen liegt sie typischerweise zwischen
0,2 und 0,5 Hertz; ältere kleinere Anlagen lagen eher bei 0,7 bis
0,9 Hertz. Im Spektrum erscheinen Grundfrequenz und harmonische
Frequenz als schmale Spitzen. Natürlicher Infraschall ist dem
gegenüber meist breitbandiger und weist keine vergleichbar
regelmäßigen maschinenbedingten Spitzen auf.
Da die Ausbreitung des Schalls stark von Gelände, Boden, Wind,
Temperaturprofil und atmosphärischer Schichtung abhängt, reichen
Standardmodelle nach Auffassung der Autoren nicht aus, um den
tieffrequenten Schall moderner Windparks realistisch zu bewerten.
Das ist bedeutsam, weil die Forscher nicht mehr nur mit mehr oder
weniger fragwürdigen Computermodellen gerechnet, sondern
tatsächlich gemessen haben. In der Studie wurden Infraschall-
messungen aus zwei schwedischen Windparks zugrunde gelegt:
Målarberget mit 27 Vestas V150-4,2-MW-Anlagen und Lervik mit
sieben SG170-6,6-MW-Anlagen. Beide Anlagentypen erreichen
etwa 200 Meter Gesamthöhe. Gemessen wurde mit kalibrierten
Tieffrequenzmikrofonen in Entfernungen von etwa 500 Metern
bis 2 Kilometern zur nächsten Turbine. Genau dieser Bereich ist
wichtig: nicht direkt am Turm, aber noch nah genug, dass das
Signal dem Windpark zugeordnet werden kann.
Das zweite wichtige Merkmal der Messreihen: Die Forscher haben
einen Abschaltversuch gemacht, die Windräder also stillgelegt,
um Unterschiede messen zu können. Während der Windpark lief,
war das Infraschallsignal deutlich höher. Als am 23.10.2024 die
Anlagen in Målarberget herunterfuhren und nach rund 150 Sek.
stillstanden, fiel die Amplitude deutlich ab und stabilisierte sich
auf einem niedrigeren Hintergrundniveau. Damit erweist sich die
alte Behauptung, ab einigen hundert Metern messe man praktisch
nur noch natürlichen Windhintergrund, als falsch.

Der Bericht in Applied Acoustics, Band 243, Ausgabe 2026, trägt
den Titel „Efficient finite difference modeling of infrasound
propagation in realistic 3D domains: Validation with wind turbine
measurements“.
 
Die Autoren sind Ken Mattsson, Gustav Eriksson, Leif Persson,
José Chilo und Kourosh Tatar von der Universität Uppsala und
der Universität Gävle.

Ausgangspunkt ist die Vermutung, dass tieffrequenter Schall
unterhalb von 200 Hertz akustisch und gesundheitlich besonders
relevant sein kann, weil er Gebäude leichter durchdringt als
höherfrequenter Schall. Frequenzen unter etwa 100 Hertz werden
vom Menschen oft weniger als Ton, sondern eher als Druck,
Vibration oder räumliche Belastung wahrgenommen.
Zu den Quellen zählen Straßen-, Luft- und Schienenverkehr,
Industrieanlagen, Lüftungen, Heizungen und eben moderne
Windkraftanlagen. Die Autoren betonen, dass man verlässliche
Rechenmodelle benötigt, wenn man Schallausbreitung, Lärmkarten
und mögliche Umweltwirkungen beurteilen will.
Kern der Arbeit ist das Modell SoundSim360. Dies stößt nicht mehr
bei tiefen Frequenzen an Grenzen. Denn lange Schallwellen „biegen“
sich gewissermaßen um Hindernisse herum, werden an Kanten
gebeugt und breiten sich in komplexem Gelände anders aus als
kurzwelliger Hörschall. Dies konnten die bisherigen Modelle nicht
richtig abbilden.

Die Autoren zeigen an einem Beispiel mit einer 25-Hz-Quelle in
Uppsala, dass frühere Modelle die Schalldruckpegel hinter Gebäuden
unterschätzen, weil sie Beugung und Welleneffekte bei niedrigen
Frequenzen nicht ausreichend abbilden.
Bei dem neuen Modell handelt sich um ein numerisch stabiles
Rechenverfahren, das die Wellenausbreitung in unregelmäßigem
Gelände und wechselnder Atmosphäre physikalisch genauer erfassen
soll. Das Ziel der Arbeit ist zweigeteilt: Erstens soll SoundSim360
durch Infraschallmessungen an Windparks validiert werden.
Zweitens wollen die Autoren aus den Messungen die Infraschall-
Schallleistungspegel moderner Windkraftanlagen bestimmen und
die Rolle der Atmosphäre untersuchen.

In Genehmigungsverfahren werde häufig mit vereinfachten Annahmen
gearbeitet, etwa Rückenwind in alle Richtungen. Die Autoren zeigen
dagegen, daß reale Atmosphäre, Tageszeit, Nachtprofil, Windge-
schwindigkeit und Schichtung einen großen Unterschied machen
können. Die Ergebnisse sind deutlich: An fünf Schutzpunkten in
Entfernungen von 1.085 bis 13.460 Metern zur nächsten Turbine
schwanken die simulierten 1-Hz-Pegel erheblich. Beim entferntesten
Punkt E etwa liegt der simulierte Pegel bei Tagesprofil und 1 m/s
Wind bei 76,7 dB, bei Nachtprofil und 8 m/s Wind aber bei 91,2 dB.
Das ist eine Differenz von 14,5 dB. Bei Punkt A, nur 1.085 Meter
entfernt, beträgt die Differenz zwischen denselben Extremen 3,8 dB.
Die Atmosphäre wirkt im Fernfeld besonders stark. In bestimmten
Nacht- und Windprofilen entstehen wellenleiterartige Effekte, die den
Abfall des Pegels mit der Entfernung deutlich vermindern können.

Die gesundheitlichen Aussagen der Studie sind vorsichtig, aber
bemerkenswert. Die Autoren berichten, daß zwei von ihnen nach
ersten Messungen Schlafstörungen und Migränekopfschmerzen
erlebten, nachdem sie mindestens vier Stunden Infraschallpegeln
von etwas über 95 dB im Bereich um 1 Hertz ausgesetzt waren.
Sie verweisen auf ältere und neuere Literatur, in der unter anderem
Blutdruckänderungen und Wirkungen auf Gehirnaktivität diskutiert
werden. Laborstudien, die keine messbaren Gesundheitseffekte von
Windkraft-Infraschall fanden, nutzten nur kurze oder nicht realitäts-
nahe Expositionen und bildeten zudem den pulsierenden Charakter
moderner Anlagen nicht ausreichend nach.

Die Forscher behaupten nicht, die Gesundheitsfolgen abschließend
bewiesen zu haben. Im Gegenteil schreiben sie, dass die gesund-
heitlichen Auswirkungen von WK-Infraschall weiterhin ungeklärt
seien. Aus ihrer Sicht fehlen kontrollierte Experimente, die den
realen pulsierenden Infraschall moderner Turbinen nachbilden, über
mehrere Wochen laufen, ausreichend viele Teilnehmer umfassen,
auch empfindliche Gruppen wie Migräneanfällige einschließen und
medizinische Expertise aus Otoneurologie und Hals-Nasen-Ohren-
Heilkunde einbeziehen.

Der nächste notwendige Schritt, so die Autoren, wären kombinierte
Messungen: außen und innen am Wohnhaus, unbewertet und
schmalbandig von 0,1 bis 20 Hz, mit Betriebsdaten der Anlagen,
Wetterprofilen, Körperschallmessung, Schlafdaten und längerer
Beobachtungsdauer. Erst dann ließe sich sagen, welche Pegel
unter welchen Bedingungen tatsächlich im Schlafzimmer ankommen
und ob sie nur messbar, störend oder gesundheitlich relevant sind.
Die Debatte über gesundheitlichen Folgen von WK und Infraschall
kann nicht mehr mit dem einfachen Satz untergebügelt werden,
dass, was der Mensch nicht hört, ihn auch nicht stören könne.

Eine der aufschlussreichsten frühen Berichte über schädliche
Auswirkungen von Windrädern stammt übrigens aus Dänemark.
Es handelt sich um den Fall des Nerzfarmers Kaj Bank Olesen
bei Vildbjerg in Westjütland. In der Nähe seiner Farm errichtete
Wind Estate 2013 vier große Windräder mit 140 Meter Gesamthöhe;
schon in der Planungsphase wurde vermerkt, dass die Anlagen
etwa 400 Meter südlich der Farm vorgesehen waren und dass es
keine belastbare Forschung dazu gab, wie große Windräder auf
Nerze wirken.  Nerze sind besonders empfindlich gegenüber
plötzlicher und unbekannter Geräuschbelastung, vor allem in
Trächtigkeits- und Säugezeit. Nach Inbetriebnahme der Anlagen
berichtete der Farmer von massiv gestörtem Verhalten, von Stress,
Aggressionen, Bissverletzungen, Paarungsproblemen und deutlich
schlechteren Jungtierergebnissen.
Auch der dänische Pelztierzüchterverband bestätigte gegenüber
Behörden, man kenne diesen Fall, stellte aber nüchtern fest, es
gebe keine Untersuchungen, die einen Zusammenhang bestätigen
oder ausschließen könnten.
Ein Lehrstück über eine Technik, die genehmigt wurde, obwohl für
empfindliche Tierhaltungen in unmittelbarer Nähe keine ausreichen-
de biologische Risikoprüfung vorlag. Olesen gab die Nerzproduktion
2018 auf und verklagte Wind Estate auf Schadenersatz; die Gerichte
erkannten zwar an, dass nach der Inbetriebnahme eine erhebliche Produktionsverschlechterung und Verhaltensauffälligkeiten auftraten
Sie wiesen die Klage dennoch ab, weil der ursächliche Zusammen-
hang zwischen Windradlärm und Nerzschäden rechtlich nicht
bewiesen werden konnte. Doch wo lebende, empfindliche Tiere auf
periodische tieffrequente und für sie nicht abschätzbare Geräusch-
muster treffen, genügt die Formel „Grenzwerte eingehalten“ nicht
mehr.


Krankmacher Windkraftanlagen?: Auswirkungen des Infraschalls auf
unsere Gesundheit. Eine Dokumentation v
on Wolfgang Müller (Autor)
Herausgeber: ‎ Neusatz Verlag, Erstauflage, Deutsch, Print-Ausgabe,
192 Seiten, ISBN978-3948090050